Newsletter MenschenBildung 04/2021

"Haalt!"
"Zieh den Helm an!"
"Pass auf!"
"Nach voorne schauen!"
"Jetzt treten, treten!"
"Nicht so schnell!"
"Jetzt machst du eine Kurve!"
"Breemmsen!"
"Nach vorne schauen habe ich gesagt!"
Konzentriert ist der Dreijährige bei den ersten Fahrversuchen auf seinem kleinen, neuen Fahrrad. Er schwankt. Bei jedem Befehl, den ihm sein Vater zuruft, zuckt er zusammen. Er strengt sich an, aber die Anweisungen seines Vaters verunsichern ihn sichtbar. Freudige, aufmunternde Worte bleiben aus.
Sehr oft beobachte ich solche Szenen und leide - auf der Skipiste, im Schwimmbad, auf dem Biketrail, immer dann, wenn Kinder aus unserer Sicht etwas Neues lernen sollen und wir davon ausgehen, dass dies nicht ohne genaue Anweisungen möglich ist. Meist nehmen wir in unserem Eifer dabei nicht wahr, dass wir damit die Kinder vorallem bei ihren eigenen Entdeckungen und Erfahrungen stören. Alle paar Sekunden wird ein Kind so aus seinen eigenen Sinneserfahrungen, dem Aufbau seines Gefühls für eine Bewegung und ein Gerät gerissen. Der Junge kann keinen eigenen Zugang zum Fahrradfahren finden, wenn er einfach Schritt für Schritt tun soll was ihm gesagt wird. Fahrradfahren lernt er auch so, doch die Erfahrung etwas selber entdeckt und erobert zu haben bleibt aus. Sie wird ersetzt durch die Lektion, dass man im Gegensatz zu uns noch nichts kann, nichts weiss und uns gehorchen soll.

Unsere Aufgabe müsste es aber sein geeignete Bedingungen zu schaffen, dass sich Kinder die Welt selber erobern können. Nicht nach unserer Anleitung, ebensowenig alleingelassen, vielmehr aufmerksam und unterstützend begleitet.  Wie könnte das aussehen?

Ich möchte mit euch dazu eine Erfahrung teilen:
Als mein älterer Sohn die Kinderstube besuchte, lernte ich die Arbeit nach Emmi Pikler kennen. Es ist sehr eindrücklich die selbständige Bewegungsentwicklung von Babies und Keinkindern nach diesem Ansatz zu erleben. Es braucht dazu im Wesentlichen eine für das Kind geeignet gestaltete Umgebung/Raum und unsere Präsenz. Diese Idee hat mich geprägt und ich habe fortan mit unseren Kindern versucht, sie auf alles, was nach dem Krabbelalter kommt, zu übertragen.

Also stellte ich meinem Sohn Marlon, als er drei Jahre alt war, sein neues Laufrad einfach auf unser flaches Quartiersträsschen und beschränkte mich darauf, dabei zu sein und aufmerksam zu beobachten, was er damit tut. Nicht ein oder zwei mal, über Wochen, immer wieder. Dazu muss ich sagen, dass ich nie eine Vorgabe machte, dass jetzt für die nächste Stunde Fahrradfahrenlernen vorgesehen ist. Das Laufrad war, wie immer beim Spielen, nur eines der angebotenen Geräte und Spielmöglichkeiten - von sich aus bleiben ja Dreijährige selten länger als ein paar Minuten beim selben Spiel. Zurück zum Rad: Marlon betrachtete und betastete das Gefährt. Er nahm es am Lenker, nahm das Gewicht und jede Bewegung wahr wenn es nicht mehr am Gartenzaun lehnte, sondern er es mit den Händen führte. Zwei Monate lang schob er das Laufrad auf unserem Strässchen hin und her, ohne einen Versuch zu machen aufzusteigen. Einfach auf ein Bein stehen und sich über das Rad auf den Sattel schwingen? Ein komplexer neuer Bewegungablauf, den er sich vorerst nicht zutraute. Er versuchte es gar nicht erst. Er sah ja uns und alle andern Leute ständig auf Fahrräder steigen. Dass er wusste was zu tun wäre stand ausser Zweifel. Aber es war ein Wagnis und er fand seinen Weg erst, sobald es Zeit dafür war.
Auf dem obigen Bild könnt ihr die Lösung, wie er es in den Sattel schaffte, sehen: Er schob sich von hinten aufs Rad. Dazu musste er sein hinteres Bein nur kurz ein bisschen anheben, seinen sicheren Stand also nur kurz aufgeben. Welch ein Triumph! Er hatte einen eigenen Weg zum Ziel entdeckt - eine Möglichkeit, die mir nie in den Sinn gekommen wäre.

Solche Momente des Triumphs sollte man bei Kindern nicht verpassen. Es sind Momente des Glücks, etwas selber bewältigt zu haben. Diese Momente will das Kind mit uns teilen, indem es den Blickkontakt sucht. "Siehst du was ich gerade geschafft habe, was ich kann?" sagen die Augen. Immer wieder sehe ich Kinder, die in einem solchen Moment stolz hoch zu Mutter oder Vater schauen und auf Abwesenheit stossen. Das Leuchten im Kindergesicht erlischt sofort. Die ungeteilte Freude erschwert, das Geschaffte einzuordnen. Präsent zu sein in diesen Momenten und unsere Erwiderung des Blicks ist hier sehr wichtig, denn das bedeutet: Ich habe gesehen, wie Marlon aufs Laufrad kam. Ich teilte seine Freude am Erreichten und gab ihm zu verstehen, dass er eine tolle Lösung gefunden hat. Dazu braucht es nicht unbedingt Worte. Der Blickkontakt ist das Wichtigste.

Alle weiteren Lernschritte zum Fahrradfahren gingen dann sehr schnell. Bald schon fuhr er auch abwärts in einem Tempo, bei dem wir manchmal lieber nicht mehr zuschauen wollten. Der Wechsel auf ein richtiges Fahrrad mit Pedalen klappte auf Anhieb.
Und heute hat Marlon uns längst alle überflügelt.

Das tolle dieser Art, Kinder zu begleiten ist:
Ich müsste selber nicht einmal Fahrradfahren können. Es funktioniert grundsätzlich genauso beim Skifahren, Schlitteln, Rollschuhlaufen etc.
Wir ersparen uns und den Kindern viel Energie und Auseinandersetzungen, wenn wir auf Instruktionen verzichten - zugunsten von Beziehungszeit und gegenseitiger Freude.
Anfänglich braucht es viel Zeit, Präsenz, Geduld und das Handy darf nicht dazwischenkommen. Daraus erwächst dann Sicherheit und Vertrauen auf beiden Seiten: Das Kind fühlt sich sicher, weil es gut begleitet ist. Wir haben Vertrauen aufgebaut, indem wir seine selbst entwickelte Fahrtauglichkeit miterlebt und wahrgenommen haben. Dieses Vertrauen ermöglicht einen Ablösungsschritt. Wir können das Kind nun einfach Fahrradfahren lassen ohne uns dauernd Sorgen zu machen. Das Kind fühlt sich frei, nach Belieben in der noch kleinen Welt des Quartiers herumzukurven.

Immer wenn es mir gelingt ein Kind so zu begleiten, erfüllt mich ein Gefühl tiefer Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, das Kind dabei begleitet zu haben, einen Stein des Fundaments seiner Freiheit zu erschaffen.

Ich freue mich über alle, die sich für die Erziehung zur Freiheit, sowie deren Erhalt, einsetzen und wünsche euch einen schönen Herbst !


Herzlich,

 

Allen, die sich für die selbständige Bewegungsentwicklung nach Emmi Pikler interessieren kann ich das neuerschienene Praxishandbuch "Gehen - Sprechen - Denken" von Natalie Rehm empfehlen (s. Buchtipp weiter unten).

 

 

Veranstaltungen

Dominik Rentsch
Move, clap & smile 7 - Rhythmus- und Bewegungsspiele für den Unterricht

Ziel des Kurses ist es, einen originellen Fundus an Rhythmusspielen und Bewegungselementen anzulegen, die zur Auflockerung oder zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der Konzentration im Unterricht mit Kindern & Jugendlichen angewandt und weiterentwickelt werden können. Nebenbei wird auch das eigene kreative Potential angesprochen und es gilt: „Der Weg ist das Ziel !“Mit Humor gewürzt und durch Improvisation verfeinert. Wer bei Dominik Rentsch schon einmal dabei war bekommt hier, wie vielfach gewünscht, Gelegenheit sein Repertoire zu erweitern. Für Neueinsteiger ist der Kurs aber genauso geeignet !
Samstag 23. Oktober, in Zürich
mehr Infos/Anmeldung

Ulrike Kegler
Lob den Lehrerinnen – Wer Beziehungen stärkt macht Schule gut

Wir brauchen eine neue Beziehungskultur an den Schulen. 
Ulrike Kegler bringt uns an diesem Tag die Inhalte ihres neuen Buches "Lob den Lehrer*innen" nach Zürich. Sie weist uns darin eine Fülle von Wegen, um Lehrerinnen und Lehrer zu unterstützen. Auf sie kommt es an, wenn wir Schule erfolgreich machen wollen. Denn wo die Erwachsenen gemeinsam an den Beziehungen arbeiten, nehmen sie die Kinder und Jugendlichen mit.
neues Datum: Samstag 27. November, in Zürich  
mehr Infos/Anmeldungen

Die Kurse fürs nächste Jahr sind in Planung und werden ab November fortlaufend aufgeschaltet.

Veranstaltungen anderer Anbieter

Trubschachenwoche 2021: Natur im Fokus
76. Studien- und Übungswoche zum pädagogischen Impuls Rudolf Steiners

vom 10. bis 15. Oktober 2021

Wie holen wir die Natur in den Unterricht?
Wie verlegen wir Unterricht in die Natur?
Wie pflege und gestalte ich meine Beziehung zur Natur?

Als Mensch sind wir Teil des Kosmos und bilden mit der Erde, den Pflanzen und Tieren eine Gemeinschaft.
In der Qualität unseres Handelns zeigt sich, wie wir die Beziehung zu allem Lebenden hegen und pflegen.
Alle Menschen, Kinder und Jugendliche ganz besonders, brauchen den direkten Kontakt zur Natur, um ihre Sinne zu entwickeln und sich in realen Lebenswelten zu verankern. In der Natur begegnen die Kinder dem wirklichen Leben, dort finden sie sich selber.
mehr Infos/Anmeldung
 

Begleitungskunst  - Ausbildung zur Begleitung von Eltern und kleinen Kindern
9 Kursmodule, Januar bis November 2022
Die Ausbildung wird mit einem Zertifikat des Instituts Elementarpädagogik abgeschlossen.
Mehr Infos/Anmeldung

Ausbildung zur Spielgruppenleiterin 2022
Termine, Infos, Kontakt

 

Lesenswert

Buchtipp

Natalie Rehm
Gehen - Sprechen - Denken

Wie sich Babys aus eigener Kraft entwickeln
Praxisbuch zur frühkindlichen Entwicklung von 0 bis 3 Jahren

Gehen – Sprechen – Denken: Das sind die wichtigsten Entwicklungsschritte, die Babys in ihren ersten drei Lebensjahren durchlaufen. Die erfahrene Erziehungsbegleiterin Natalie Rehm gibt Eltern in diesem grundlegenden Buch einen fundierten Einblick in neuste wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Bedingungen kindlicher Entwicklung. Mit vielen Ratschlägen und konkreten Tipps hilft sie Eltern, ihre Kinder bei der vollen Entfaltung ihrer angeborenen Potenziale zu unterstützen. Dafür beruft sie sich auch auf die Erkenntnisse der Pädagogik Emmi Piklers. Entscheidend ist, dass sich Babys aus eigener Kraft entwickeln dürfen. Schaffen Eltern die richtigen Voraussetzungen dafür, werden Babys in ihrem eigenen Rhythmus zu genau den Persönlichkeiten, die sie in Übereinstimmung mit ihren individuellen Anlagen werden wollen.
Mehr Infos/Buch bestellen

Buechi Schuel – Schule des Lebens
Eine Gruppe von LehrerInnen hat eine neue freie Schule gegründet. Sie heisst  Buechi-Schuel und befindet sich auf dem Bucheggberg. Die Buchen verbinden uns mit der Natur, wir brauchen Bücher und lernen Buchen-Stäbe (Buchstaben) lesen schrieb mir ein Lehrer.
Permakultur und Kultur sind wichtige Bestandteile des Schulkonzepts
Die Schule hat mit 10 Kindern begonnen, weitere Kinder sind willkommen.
mehr Infos

Die Freilerner

Die Freilernerzeitschrift befasst sich mit selbstbestimmten und selbstorganisierten Bildungsformen. Sie ist eine Plattform für Initiativen und Vereine. Es sind viele Familien dabei, die die Schulpflicht verweigern, aber auch freie aktive und demokratische Schulen sowie junge Erwachsene, die sich alternative Bildungsprojekte organisieren. Die Zeitschrift erscheint 4 Mal im Jahr als gedruckte Ausgabe, ist aber auch digital als PDF erhältlich.
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CH31 0900 0000 8766 0517 5

Vielen Dank !

 

Allerlei

Gesucht: Dauermieter für Malatelier in Zofingen

Im Amtshaus West, 5 Minuten vom Bahnhof. Raum für Einzel- und Kleingruppen-Arbeit. Material für Gestalten, Literatur und Kundenstock vorhanden. Miete: 100.-/Monat.
Interessierte melden sich bei: Christian Balke, Letzigasse 4, 4800 Zofingen Tel: 062 751 95 11   christian(at)fliegendruck.ch

 

 

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